“Der Feind hört mit!”

Was wusste der britische Nachrichtendienst vom Holocaust?
Published: 2015-10-21

In seinem 1974 erschienenen Buch The Ultra Secret[1] berichtete Frederick W. Winterbotham der Weltöffentlichkeit erstmals, dass der britische Geheimdienst bereits kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges in der Lage war, fast den gesamten Funkverkehr des deutschen Militärs mitzuhören. Als Captain der Royal Air Force und Offizier des Military Intelligence Service überwachte Winterbotham die Arbeit der Government Code & Cypher School in Bletchley Park. Die dort tätigen Kryptoanalytiker knackten den Code der “Enigma”, der Chiffrier-Maschine, mit dem das deutsche Heer, die Kriegsmarine und die Luftwaffe ihre geheimen Nachrichten verschlüsselten.

Es sollten noch sieben weitere Jahre verstreichen, bis die Öffentlichkeit erfuhr, dass man in Bletchley Park weit mehr als nur die Nachrichten des Militärs mitlas. 1981 veröffentlichte der Kryptoanalytiker Francis H. Hinsley den zweiten Band seines Buches British Intelligence in the Second World War.[2] Darin berichtete er, dass der britische Nachrichtendienst auch die geheimen Funksprüche der Polizei, des SD und der SS mithörte. Auf diese Weise gelangten die Briten nicht nur in den Besitz zuverlässiger Informationen über die Ereignisse hinter der russischen Front, sondern auch über die Vorgänge in den deutschen Konzentrationslagern.

Am 19. Mai 1997 hat die britische Regierung die in Bletchley Park dechiffrierten Dokumente dem Public Record Office in London übergeben und sie damit der Forschung zugänglich gemacht.[3] Eigentümlicherweise haben sich jedoch nur sehr wenige Holocausthistoriker für die Informationen über die Konzentrationslager interessiert. Der Grund für diese erstaunliche Indifferenz ist vermutlich der folgenden Bemerkung Hinsleys zu verdanken:

“Die Nachrichten aus Auschwitz, dem mit 20.000 Häftlingen größten Lager[4], erwähnten Krankheiten als die Hauptursache für Todesfälle, schlossen aber auch Hinweise auf Hinrichtungen durch Erhängen und Erschießen ein. Hinweise auf Vergasungen gab es in den dechiffrierten Nachrichten nicht.”[5]

Der vorliegende Artikel verfolgt die Absicht, die in Bletchley Park gewonnenen Erkenntnisse über die Vorgänge im Konzentrationslager Auschwitz zusammen zu fassen. Trotz der unmissverständlichen Aussage von Hinsley sind die Informationen des britischen Geheimdienstes nach wie vor Anlass zu einer Vielzahl von Interpretationen und Spekulationen. Im Vordergrund steht dabei immer noch die Frage, was die Briten vom Holocaust wussten.

Wie die Dokumente aus Bletchley Park zeigen, hatte die Kommandantur von Auschwitz jeden Tag Bericht zu erstatten. Mit Ausnahme des Sonntags, berichtete sie täglich über den “Bestand”, die “Zugänge” und die “Abgänge” aus dem Konzentrationslager. Über dreizehn Monate hinweg, vom Januar 1942 bis zum Januar 1943, hatte der britische Nachrichtendienst denn auch diese vom Konzentrationslager Auschwitz an das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt in Oranienburg gesendeten Berichte verfolgt und entschlüsselt.

Mit Hilfe der entschlüsselten Nachrichten ließen sich recht genaue Statistiken erstellen. Aus den Funksprüchen vom 28. Oktober 1942 – um einen beliebigen Tag herauszugreifen – konnte man beispielsweise ersehen, dass sich im Konzentrationslager Auschwitz alles in allem 25.298 Häftlinge befanden: 18.754 Männer und 6.544 Frauen; darunter 10.755 Juden, 8.822 Polen, 1.369 Russen und 1.578 Deutsche. Zudem erfuhr man, dass es an diesem 28. Juli 1942 genau 787 “Zugänge” und 168 “Abgänge” gab. Mit “Zugängen” waren die neu eingelieferten Häftlinge gemeint; mit “Abgängen” waren dagegen die verstorbenen, hingerichteten, entlassenen oder in andere Lager überstellten Häftlinge gemeint.

Zu den tagtäglich aus Auschwitz gesendeten Funksprüchen zählten auch zusätzliche Informationen. So wurde beispielsweise mitgeteilt, dass man jüdische Uhrmacher in das KZ Sachsenhausen überstelle; dass polnische Arbeiter erst wieder verschickt werden können, wenn sie aus der Quarantäne entlassen werden; dass man dringend englische Kriegsgefangene benötige, die man als Kapos einzusetzen gedenke; oder dass man für den September 1942 einen Nachfolger für den gegenwärtigen Standortarzt suche.

Im Hinblick auf den Holocaust waren selbstverständlich vor allem die “Abgänge” von besonderem Interesse. Tatsächlich schwankte die Zahl der monatlichen Abgänge im Jahr 1942 in ungewöhnlicher Weise. Während die Zahl der Abgänge normalerweise etwa 2.000 Häftlinge pro Monat betrug, gab es in den Monaten Juli, August, September und Oktober einen geradezu dramatischen Anstieg. So sind für den August 1942 beispielsweise 8.354 Abgänge gemeldet worden.

Wie man aus den Funksprüchen ersehen konnte, ging diese ungewöhnlich hohe Zahl von Abgängen auf eine Fleckfieberepidemie in Auschwitz zurück.[6] Das Fleckfieber, das man mitunter auch als “Lazarettfieber” bezeichnet, wird bekanntlich durch Läuse und Flöhe übertragen; unter schlechten hygienischen Bedingungen tritt es nahezu zwangsläufig in allen Lagern auf. Den entschlüsselten Funksprüchen zufolge benötigte man in Auschwitz etwa vier Monate, um der Epidemie Herr zu werden. Erst im November und Dezember 1942 fielen die Zahlen wieder auf etwa 2.000 Abgänge pro Monat zurück.

Im August 1942 hatte das Konzentrationslager, wie erwähnt, einen Nachfolger für seinen Standortarzt angefordert. Dieser Nachfolger wurde am 6. September 1942 Dr. med. Eduard Wirths. In seinen Aufzeichnungen hat uns Wirths einen anschaulichen Bericht über die damaligen Zustände in Auschwitz hinterlassen:[7]

“Ich fand unvorstellbare Verhältnisse für die Gefangenen vor. Es gab kein fließendes Wasser, keine ordentlichen Aborte, keine Bademöglichkeit. Die Baracken, in welchen die Gefangenen untergebracht waren, waren überfüllt und es fehlten Betten. Läuse liefen buchstäblich massenhaft auf den Fußböden, Kleidern, Körpern der Menschen. Die Wände waren schwarz von Flöhen. Die Menschen in einem unvorstellbaren Zustand, abgemagert bis zum Gerippe, von Ungeziefer zerbissen, zwischen Lebenden und Sterbenden lagen Tote. Täglich wurden Hunderte von Verstorbenen weggebracht, oft blieben sie auch tagelang zwischen den Lebenden liegen.”

Offenbar griff die Epidemie auch auf das Wachpersonal über. So berichtete Bletchley Park beispielsweise, dass am 4. September “eine Lagersperre über Auschwitz verhängt wurde”[8] und “im Oktober 11 SS-Männer wegen Verdachts auf Fleckfieber in das Hospital eingewiesen wurden.”[9]

Durch den Ausbau der Barracken, die Einrichtung von Krankenstationen, den Bau von Wasserleitungen, die Errichtung von Abortanlagen und den gezielten Einsatz infektionsmedizinischer Maßnahmen gelang Wirths zumindest vorübergehend die Bekämpfung der Epidemie:

“Durch die Ärztekammer wurde die Genehmigung zur Abgabe von Weißbrot und Milch beantragt. Anstelle des verseuchten Trinkwassers, sorgte ich für die Verabreichung von Getränken wie Kaffee und Tee. Ich veranlasste die Beschaffung von Feldküchen für die arbeitenden Gefangenen, welche wegen großer Entfernung der Arbeitsstellen sonst den ganzen Tag kein warmes Essen bekommen konnten. Soweit Feldküchen nicht zu beschaffen waren, ließ ich warmes Essen an die Arbeitsplätze durch Fahrzeuge heranbringen. Ich erbat mir die Genehmigung, Wildgemüse und Heilkräuter durch genesende Häftlinge sammeln zu lassen und wollte dadurch gleichzeitig erreichen, daß die von der Lagerführung eingesperrten jüdischen Frauen die Möglichkeit bekamen, sich im Freien zu bewegen. Für die körperlich geschwächten Gefangenen verlangte ich Schonung, ja die Einrichtung ganzer Schonungsabteilungen.”[10]

Dr. Wirths’ Kampf gegen die Epidemien muss eine wahre Sisyphos-Arbeit gewesen sein. Offenbar kamen mit jedem Transport neue Fälle von Fleckfieber in das Lager. So berichtete Bletchley Park am 28. Januar 1943 etwa, dass sich “unter den am 22. Januar eingelieferten Häftlingen 36 Fälle von Fleckfieber fanden.”[11]

Im Sommer 1942 tauchten die ersten polnischen und jüdischen Berichte auf[12], wonach in Auschwitz ein industrieller Massenmord betrieben werde. Diesen Berichten zufolge sollten in Auschwitz tagtäglich 2.000 Häftlinge in Gaskammern getötet werden. Da die Zahl der gemeldeten Abgänge etwa 2.000 Häftlinge pro Monat und nicht 2.000 Häftlinge pro Tag betrug, wies der britische Nachrichtendienst diese Berichte als Kriegspropaganda zurück. So schrieb etwa der Vorsitzende des British Joint Intelligence Committee, Victor Cavendish-Bentinck, am 27. August 1943, dass die von Polen und Juden verbreiteten Berichte jeder Grundlage entbehren:[13]

“Die Behauptung von Massenexekutionen in Gaskammern erinnern mich an die Gräuelgeschichten aus dem letzten Krieg, wonach die Deutschen Leichen zu Fett verarbeitet hätten – eine groteske Lüge, die auch sogleich als bloße Propaganda entlarvt wurde.”

Der erste Historiker, dem Einblick in die entschlüsselten Nachrichten von Bletchley Park gewährt wurde, war Richard Breitman. In seinem 1998 erschienenen Buch Official Secrets: What the Nazis Planned, What the British and Americans Knew[14] erhob er schwere Vorwürfe gegen die Alliierten. Wie es im deutschen Titel seines Buches – Staatsgeheimnisse: Die Verbrechen der Nazis – von den Alliierten toleriert – auch zum Ausdruck kommt, warf er den Briten und Amerikanern vor, von Anfang an über den Holocaust informiert gewesen zu sein, diese Informationen aber bewusst verschwiegen zu haben. Insbesondere Cavendish-Bentinck machte er zum Vorwurf, dass er die “Informationen aus polnischen und jüdischen Quellen als erfunden”[15] abtat. Dieser Vorwurf ist jedoch vollkommen ungerechtfertigt. Weshalb sollte Cavendish-Bentinck unzuverlässigen Berichten Glauben schenken, wenn er doch im Besitze zuverlässiger Funksprüche aus Auschwitz war?

Dass Cavendish-Bentinck den Berichten aus polnischen und jüdischen Widerstandskreisen jede Glaubwürdigkeit absprach, wird um so verständlicher, wenn man sich einmal einige der von Breitman zitierten Dokumente näher ansieht. So berichtete er beispielsweise, dass “ein polnischer Untergrundkurier, der sich nach London hatte durchschlagen können”, folgende Aussagen über das Konzentrationslager Auschwitz machte:[16]

“Ich lebte einige Wochen in Auschwitz. […] Aufgrund der Informationen, die ich sammelte, und meinen eigenen Beobachtungen kann ich versichern, daß die Deutschen folgende Tötungsmethoden verwendeten. A) Gaskammern: Die Opfer wurden ausgezogen in die Kammern gebracht, in denen sie dann erstickten. B) Elektrische Kammern: Diese Kammern hatten Metallwände. Die Opfer wurden hineingetrieben und dann wurde elektrische Hochspannung eingeleitet. C) Das sogenannte Hammerluft-System: Das ist ein Lufthammer zum Töten durch Luftdruck.”

Kann es verwundern, dass Cavendish-Bentinck derartige Berichte als unglaubwürdig abtat? Sicher nicht! Ein solcher Bericht würde auch heute sogleich als unglaubwürdig abgetan werden.

Doch weiter: Nach den Informationen “einer polnischen Frau mit dem Codenamen Wanda” sollen in Auschwitz “98 Prozent der Neuankömmlinge vergast worden” sein.[17] Wie man in Bletchley Park wusste, war Auschwitz ein Lager für Zwangsarbeiter, in dem man jede Arbeitskraft benötigte. Weshalb sollte Cavendish-Bentinck der Behauptung, dass 98 Prozent aller Häftlinge unmittelbar nach ihrer Ankunft sogleich vergast werden, also auch nur den geringsten Glauben schenken?

Der britische Nachrichtendienst hatte allen Grund, die dechiffrierten Funksprüche der SS als die zuverlässigste Informationsquelle über die Vorgänge in Auschwitz zu betrachten. Angesichts der vorliegenden Daten ging man daher auch weiter davon aus, dass die dortige Zahl der Toten nicht täglich, sondern monatlich etwa 2.000 betrug. Nach den von der SS gemeldeten Zahlen gab es im gesamten Jahr 1942 genau 52.996 “Abgänge”. Diese ungewöhnlich hohe Zahl ließ sich, wie erwähnt, mit der Fleckfieberepidemie erklären, die nachweislich im Spätsommer 1942 in Auschwitz ausgebrochen war. Hätte es im Jahr 1942 tagtäglich 2.000 Tote gegeben, hätte die Zahl der “Abgänge” dagegen mindestens 730.000 betragen müssen.

Die in Bletchley Park entschlüsselten Zahlen brachten den Historiker Breitman sichtlich in Verlegenheit. Die offizielle Zahl der Opfer von Auschwitz beträgt bekanntlich rund 1 Million Menschen. Wie soll man mit Hilfe der vom britischen Nachrichtendienst entschlüsselten Funksprüche aber auf eine derart hohe Zahl kommen?

Um an der offiziellen Zahl der Opfer von Auschwitz festhalten zu können, behauptete Breitman, dass die tatsächliche Opferzahl einer zu großen Geheimhaltung unterlag, als dass man sie per Funk gemeldet hätte:[18]

“In der SS war man trotz der Enigma nach wie vor über die Geheimhaltung besorgt. Streng geheime Informationen wurden nur per Kurier übermittelt.”

Diese Behauptung kann jedoch kaum überzeugen. Weshalb sollte man die Massenvergasungen von Auschwitz nicht der Enigma anvertrauen, wenn man ihr doch auch die Massenerschießungen an der Ostfront anvertraute? Ganz gleich, ob es nun um Massenexekutionen in Riga, Minsk oder Kiew ging – in seinem Buch stützte sich Breitman stets auf die offenbar zuverlässigen Nachrichten aus Bletchley Park.

Wie willkürlich Breitmans Behauptung war, wird spätestens dann deutlich, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die Deutschen der Enigma selbst kriegsentscheidende Informationen wie den gegenwärtigen Standort von U-Booten oder den geplanten Zeitpunkt von Luftangriffen anvertrauten.

Offenbar von seiner eigenen Argumentation nicht so recht überzeugt, nahm Breitman denn auch nur wenige Seiten später noch zu einer anderen Erklärung Zuflucht. Jetzt behauptete er:[19]

“In der Statistik wurden nur die Gefangenen erfaßt, die in den Lagern von Auschwitz registriert waren. […] In der Statistik fehlten jedoch jene Juden, die sofort nach ihrer Ankunft für die Gaskammern selektiert worden waren.”

Doch was spricht für diese Annahme? Wie Breitman zuvor erklärte, “wollte Himmler wissen, wie viele Gefangene in jedem Lager entlassen worden und wie viele gestorben waren.”[20] Wenn Himmler aber verlangte, dass man ihm die Zahl der Toten meldete, weshalb sollte ihm die Kommandantur von Auschwitz dann diese Zahl vorenthalten? Breitmans Annahme erscheint als eine reine ad hoc Hypothese, die lediglich die Funktion erfüllt, an der offiziellen Zahl der Opfer von Auschwitz festhalten zu können.

Erst im Jahr 2004 erschien eine weitere Arbeit zum Thema Holocaust und Bletchley Park. In seinem in den Yad Vashem Studies publizierten Artikel “Conflicting Signals”[21] nahm der Historiker Nicholas Terry den britischen Geheimdienst gegenüber Richard Breitmans Vorwürfen in Schutz: Aus den in Bletchley Park entschlüsselten Funksprüchen hätte der britische Nachrichtendienst keine eindeutigen Beweise für den Völkermord an den Juden gewinnen können.

Vor allem räumte Terry auch mit einem Missverständnis Breitmans auf. Zwar hatte es am 13. September 1941 tatsächlich einen Befehl gegeben, keine Opferzahlen mehr per Funk, sondern nur noch per Kurier zu verschicken, doch galt dieser Befehl ausschließlich für die drei Höheren SS und Polizeiführern (HSSPF).[22] Winston Churchill beging am 24. August 1941 den Fehler, in einer Radioansprache die von der deutschen Ordnungspolizei begangenen Massenerschießungen hinter der russischen Front anzuprangern.[23] Churchills Bemerkungen blieben zwar sehr vage, weckten jedoch beim Chef der Deutschen Ordnungspolizei, Kurt Daluege, den Verdacht, dass die Briten die deutschen Funksprüche mithören könnten. Daluege erließ daher einen von den Briten entschlüsselten Befehl an die Führer der Ordnungspolizei, vorerst keine Opferzahlen mehr per Funk durchzugeben. Auf einen Vorschlag von Seiten des SS-Obergruppenführers Friedrich Jeckeln wurden die Opferzahlen jedoch nicht verschwiegen, sondern nur getarnt. Sie wurden fortan unter der Bezeichnung “Aktion nach Kriegsbrauch” gemeldet.[24]

Der entscheidende Punkt ist, dass sich der von Daluege ergangene Befehl nur an die HSSPF, nicht aber an die SS richtete. Die Kommandantur von Auschwitz meldete daher auch weiter regelmäßig ihre “Abgänge”. Am 28. Januar 1943 berichtete Bletchley Park sogar, dass aus Oranienburg erneut der Befehl erging, detaillierte Statistiken zu erstellen und die genaue Zahl der eingelieferten und verstorbenen Häftlinge zu melden.[25]

Wie Richard Breitman, so behauptet auch Nicholas Terry, dass die direkt nach ihrer Ankunft ermordeten Menschen in den von Auschwitz gemeldeten “Abgängen” nicht enthalten seien, weil sie nie registriert wurden, sondern geradewegs in die Gaskammern transportiert wurden.[26] Selbstverständlich ist dies durchaus denkbar. Dennoch: Ohne ein Dokument, in dem ausdrücklich verlangt wird, dass das Konzentrationslager Auschwitz die direkt nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordeten Häftlinge nicht melden solle, bleibt diese Annahme eine bloße ad hoc Hypothese.

Dass es sich bei dieser ad hoc Hypothese um eine vollkommen an den Haaren herbeigezogene Annahme handelt, zeigen bereits einige einfache Überlegungen. Wie sollte der Reichsführer SS wissen, wie es mit der “Endlösung der Judenfrage” voranging, wenn ihn die Kommandantur von Auschwitz nicht regelmäßig über das Schicksal eines jeden eingegangenen Transports informierte? Es liegt auf der Hand, dass Himmler über die Zahl der in Auschwitz eingetroffenen, in andere Konzentrationslager überstellten und in die Gaskammern geschickten Juden in Kenntnis gesetzt werden musste.

Auch das SS-Wirtschaft- und Verwaltungshauptamt dürfte auf eine genaue Statistik bestanden haben. Da es für die Versorgung aller Konzentrationslager zuständig war, hätte es nicht nur über die Zahl der registrierten arbeitsfähigen Juden, sondern auch über die Zahl der nicht-registrierten arbeitsunfähigen Juden unterrichtet werden müssen, und sei es nur, um eine Rechtfertigung für die von Auschwitz angeforderten Mengen an Zyklon B für die Gaskammern und für die angeforderten Mengen an Koks für die Krematorien zu besitzen.

Überhaupt hieße es, die deutsche Bürokratie zu unterschätzen, wenn man annimmt, dass nicht über jeden Vorgang genau Buch geführt worden wäre. In Auschwitz gab es keine Geburt, keinen Tod, keine Entlausung, keine Entlassung, keine Bestrafung, keine Hinrichtung, keine Erkrankung und keine Einäscherung, die nicht der Kommandantur und anschließend der Amtsgruppe D des SS-WVHA in Oranienburg gemeldet wurde.

Und schließlich haben Jürgen Graf und Carlo Mattogno in den Moskauer Archiven zahlreiche Dokumente entdeckt, die nicht nur für die Bürokratie, sondern auch gegen den Holocaust sprechen. Als Beispiel will ich nur den Bericht von Dr. Horst Fischer an Dr. Eduard Wirths anführen. In einem auf den 13. April 1943 datierten Brief berichtete der Lagerarzt von Buna dem Standortarzt von Auschwitz über die Ankunft von 658 Häftlingen. Von diesen 658 Häftlingen erwiesen sich nach einer gründlichen medizinischen Untersuchung 109 als arbeitsunfähig. Und von diesen 109 arbeitsunfähigen Häftlingen wurden daher 25 in einem der Schonungsblöcke von Buna untergebracht, 33 in den Häftlingskrankenbau von Buna aufgenommen und 51 in den weit besser ausgerüsteten Häftlingskrankenbau von Auschwitz I überwiesen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Die in Bletchley Park entschlüsselten Nachrichten stellen zweifellos eine der zuverlässigsten Quellen zu den Ereignissen im Zweiten Weltkrieg dar. Sie geben Aufschluss über die Unternehmungen des deutschen Heeres, der Kriegsmarine und der Luftwaffe. Sie geben Einblick in die Vorgänge hinter der russischen Front und die Zustände in den Konzentrationslagern. Da die Berichte aus Auschwitz keinerlei Informationen zu Massenvergasungen enthielten, lässt sich die Frage, ob der britische Geheimdienst vom Holocaust wusste, denn auch mit einem einzigen Wort beantworten: Nein![27]

Angesichts der Tatsache, dass in den Berichten aus Auschwitz weder von Gaskammern noch von Massenmorden die Rede ist, erhebt sich vielmehr die Frage, ob es eigentlich etwas zu “wissen” gab. Mit anderen Worten: Hat es den Holocaust überhaupt gegeben? Entgegen der allgemeinen Überzeugung, dass kaum ein historisches Ereignis so gut belegt sei, muss noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass es bis heute weder einen materiellen noch einen dokumentarischen Beweis für die Tötung von Menschen in Gaskammern gibt. Alles, was existiert, sind höchst widersprüchliche Zeugenaussagen und nachweislich erpresste Tätergeständnisse.

Die zuverlässigsten Dokumente zu Auschwitz – die Sterbebücher von Auschwitz[28], die Kommandanturbefehle von Auschwitz[29] und die von den Alliierten entschlüsselten “Funksprüche von Auschwitz”[30] – enthalten nicht den geringsten Hinweis auf Massentötungen durch Giftgas. Hinzu kommt, dass sich die vom britischen Nachrichtendienst ermittelten Opferzahlen weitgehend mit den Opferzahlen der Sterbebücher von Auschwitz decken.

Wie bereits erwähnt, meldete das Konzentrationslager Auschwitz für das Jahr 1942 insgesamt 52.996 “Abgänge”. Nach den Sterbebüchern soll es im Jahr 1942 alles in allem 36.958 Tote in Auschwitz gegeben haben. Dass die Zahl der “Abgänge” größer ist als die Zahl der Toten, ist leicht zu erklären. Denn unter der Bezeichnung “Abgänge” wurden, wie erwähnt, nicht nur die verstorbenen und hingerichteten, sondern auch die entlassenen und überstellten Häftlinge zusammengefasst. Es ist daher also durchaus denkbar, dass die in den Sterbebüchern angegebene Zahl von 36.958 Toten für das Jahr 1942 korrekt ist. Die bestehende Differenz von 16.038 könnte der Zahl der in andere Lager überstellten Häftlinge entsprechen. Solange kein Dokument gefunden wird, dass zweifelsfrei die Vergasung von Tausenden von Menschen durch Zyklon B in Auschwitz beweist, ist es also durchaus gerechtfertigt, an der offiziellen Version des Holocaust zu zweifeln.

Quellenverweise

[1] Frederick W. Winterbotham, The Ultra Secret. Weidenfeld & Nicolson, London 1974.
[2] Francis H. Hinsley British Intelligence in the Second World War. Volume II: Its Influence on Strategy and Operations. Stationary Books, London 1981.
[3] BBC Holocaust Documents Released. 20 May 1997. http://www.bbc.co.uk/archive/holocaust/5114.shtml
[4] Die Zahl der Häftlinge von Auschwitz wuchs über die Jahre kontinuierlich an. Am 22. August 1944 war die Zahl der Häftlinge auf 104.891 angewachsen.
[5] Francis H. Hinsley, op. cit., p. 673.
[6] Bletchley Park Summary Reports ZIP/OS1 vom 21. August 1942.
[7] Ulrich Völklein, Dr. med. Eduard Wirths: Ein Arzt in Auschwitz. Eine Quellenedition. Books on Demand, Norderstedt 2005, S. 40.
[8] Bletchley Park Summary Reports ZIP/OS2 vom 27. September 1942.
[9] Bletchley Park Summary Reports ZIP/OS3 vom 29. Oktober 1942.
[10] Ulrich Völklein, op. cit., S. 42.
[11] Bletchley Park Summary Reports ZIP/OS6 vom 28. Januar 1943.
[12] Den ersten Bericht über die Vernichtung der Juden stellte das sogenannte “Riegner-Telegramm” dar. Am 8. August 1942 schrieb der Büroleiter des Jüdischen Weltkongresses in Genf, Gerhart M. Riegner, an die Regierungen in London und Washington, dass man in Berlin beschlossen hätte, alle deportierten Juden “mit einem Schlag auszurotten”.
[13] Bletchley Park PRO FO 371/34551 vom 27. August 1943.
[14] Richard Breitman, Official Secrets: What the Nazis Planned, What the British and Americans Knew. Hill & Wang, New York 1998. Alle Zitate aus diesem Buch sind der deutschen Ausgabe entnommen: Richard Breitman, Staatsgeheimnisse: Die Verbrechen der Nazis – von den Alliierten toleriert. Goldmann, München 2001.
[15] Breitman, op. cit., S. 162.
[16] Breitman, op. cit., S. 160.
[17] Breitman, op. cit., S. 164.
[18] Breitman, op. cit., S. 154.
[19] Breitman, op. cit., S. 157.
[20] Breitman, op. cit., S. 156.
[21] Nicholas Terry, Conflicting Signals: British Intelligence on the 'Final Solution' through Radio Intercepts and Other Sources. Yad Vashem Studies 32: 351-396, 2004.
[22] Terry, op. cit., S. 365f.
[23] Terry, op. cit., S. 360.
[24] Terry, op. cit., S. 366.
[25] Bletchley Park Summary Reports ZIP/OS6 vom 28. Januar 1942.
[26] Terry, op. cit., S. 388.
[27] Oder behutsamer formuliert: Die in Bletchley Park entschlüsselten Funksprüche enthalten nur Informationen zu Masserschießungen hinter der Front, nicht aber zu Massenvergasungen in Auschwitz.
[28] Staatliches Museum Auschwitz, Sterbebücher von Auschwitz. De Gruyter, Berlin 1995.
[29] Norbert Frei (Hrsg.), Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz: Standort- und Kommandanturbefehle des Konzentrationslagers Auschwitz 1940 – 1945. De Gruyter, Berlin 2000.
[30] David Bankier (Ed.), Secret Intelligence and the Holocaust. Collected Essays from the Colloquium at the City University of New York. Yad Vashem, Jerusalem 2006.

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Author(s) Christoph M. Wieland
Title “Der Feind hört mit!”, Was wusste der britische Nachrichtendienst vom Holocaust?
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Dates published: 2015-10-21, first posted on CODOH: Oct. 21, 2015, 9:16 a.m., last revision: n/a
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